02/02/2012

Autowahl und Partnersuche am Röstigraben

Heute entnimmt der geneigte Leser dem Tages Anzeiger: "bei Automarken gibts keinen Röstigraben". Es ist erstaunlich, dass man auch aus Tatsachen, die ein Vorurteil NICHT bestätigen, eine Meldung machen kann. Die Widerlegung eines Klischees hat heute genauso Ereignischarakter wie seine Bestätigung. Denn ohne Ereignis keine News. Man hat sich schon an das lawinenmässige Herunterbeten der Röstigraben-Sutra nach Abstimmungen gewöhnt, wo die sogenannt charmanten, unzuverlässigen, weltoffenen Lateiner ganz anders abstimmen als die verschlossenen, braven, arbeitsamen, intoleranten Germanen in der Deutschschweiz. Stereotypen stimmen sehr oft mit der Wirklichkeit überein, sie sind aber nur deshalb so eindringlich, weil sie eine herausragende Rolle bei der  oft nötigen und trotzdem schädlichen Reduktion von Komplexität spielen. So wird in der Regel nicht erklärt WIESO denn die Leute dies- und jenseits der Sprachgrenze anders stimmen, geschweige denn überhaupt eine Frage gestellt: Das Stereotyp ist das, worüber hinaus man keine Fragen stellen kann, und auch nicht stellt.  Man wird in es hineingesogen wie in ein schwarzes Loch, wo es doch um ganz Anderes ginge.
Eine zweite wichtige Rolle übernimmt das Stereotyp gerade aufgrund der Situation auf dem übersättigten Markt der Aufmerksamkeit und damit auch der Waren. Von Studien kommt man über Nachrichten schnell einmal zur Werbung und von dieser zum Produkt: Ein Stereotyp ist klar, sofort verständlich, ordnet ein durch blitzschnelles Ziehen einer Linie. So etwa macht eine Partnervermittlungsfirma mit einer "Studie" auf eine grossartige Wahrheit aufmerksam, nämlich :

"Der Röstigraben existiert auch bei der Partnersuche: Westschweizer sind weltoffener als Deutschschweizer"

Wenn man aber den Inhalt der Pressemeldung hier liest, dann ist das wichtigste "Resultat" ein ganz anderes: Es stimmt nämlich - im Verhältnis - überhaupt NICHT, dass sich Deutschschweizer weniger offen gegenüber Partnern von ausserhalb Europas zeigen als Westschweizer. Der Unterschied scheint da zu sein, aber er ist nicht weltbewegend. Dagegen scheint ganz auffällig hervorzustechen, dass Schweizer Jugendliche - Lateiner wie Deutschschweizer - im Vergleich zu ihren Eltern und Grosseltern SEHR OFFEN gegenüber Partnern aus nicht-europäischen Ländern sind. Obwohl die zitierte "Studie" selbst den Unterschied zwischen Generationen als sehr gross bezeichnet, zieht sie es vor, den Röstigraben als Aufmacher, Titel und Hauptaussage zu bemühen. So vergleicht sie - besonders abstrus - die Romands mit ihren "liberaleren Sprachgenossen", den Franzosen, wohl wissend, dass Frankreich weder gesellschaftlich noch politisch ein liberales Land ist, weder im Vergleich zur französischen noch zur deutschen Schweiz. 

2006 : contribution suisse à la cohésion européenne.
Zurich vote avec Vaud contre TG, SG et le Tessin !

Wieso wird wider besseres Wissen argumentiert? - Vielleicht ist das Ringen um Aufmerksamkeit über den Röstigraben damit verbunden, dass die besagte Partnervermittlungsfirma von Deutschland her versucht, den Schweizer Markt an Singles und Partnersuchenden zu bearbeiten. Vielleicht hat diese Firma besonders viele Singles im Angebot, die gerantiert nicht von ausserhalb Europas stammen? Es leuchtet auf alle Fälle ein, dass Drittwelt- und Schwellenländer-Migranten wohl nicht über teure Vermittlungsangebote zum Schweizer Mann oder der Schweizer Frau gelangen. 
Und wie sieht es auf der Seite des Tages Anzeigers zur Kaufneigung Autosuchender aus? Das Werbebanner, das auf dieser Seite flackert, verweist auf den Mazda CX-5, der wohl sowohl in der Romandie wie in der Deutschschweiz gekauft sein will.
Und was habe ich als Autor dieses Beitrags verbrochen? - Ich habe meinem Ideal verpflichtet nach Komplexität gerufen, Stereotype kritisiert, ob sie nun bestätigt oder widerlegt werden. Das Resultat dabei ist, dass ich dich, geneigte Leserin, geneigter Leser, auf zwei kommerzielle Angebote aufmerksam gemacht und mich vielleicht in den Dienst einer Vermarktungsstrategie gestellt habe. So funktionieren heute Medien im  Verband mit den Social Media. Gerade Reizwörter und Stereotypen, Vereinfachungen und Polemiken sind das Öl in dieser Maschine. Ich prophezeie, dass durch die sogenannte Integration von Presseprodukten,  Fernseh- und Radiostationen in die Internetmedien viel Potenzial für Kritik, aber auch für Stereotype und stereotypengetriebene Kampagnen entsteht. Vielleicht kriege ich bald einen Mazda?

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