18/08/2011

Fredi M. Murer: „Ich mache Murerfilme, keine Schweizerfilme“

Spätestens seit seinem Film „Vitus“ (2006) ist Fredi M. Murer in der Schweiz und im Ausland einem grossen Publikum bekannt. Aber auch unter seinen früheren Werken finden sich Schätze des Schweizer Filmschaffens, insbesondere „Höhenfeuer“ (1985) und „Chicorée“ (1966).


Fredi M. Murer hat fast zwei Tage mit uns in Curzútt verbracht. Sein Besuch war für die meisten von uns ein Höhepunkt der Sommerakademie. Während dieser Zeit haben wir unter der Leitung des Zürcher Historikers und Filmexperten Felix Aeppli drei seiner Filme besprochen und einen vierten geschaut. Auch nach den Seminaren und während der Mahlzeiten blieb genügend Zeit für interessante Gespräche. So hat uns der Filmemacher in vielen Geschichten und Anekdoten sein Handwerk und Leben näher gebracht.

Sehr beeindruckt waren wir von seiner Arbeitsweise: seinem Streben nach Perfektion, seiner Sensibilität für seine Mitmenschen und die Darsteller, seine Überzeugungen und Werte, die er beim Dreh lebt.

Dies alles zeigt sich sehr schön in seinem Dokumentarfilm aus dem Jahre 1974, „Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind.“ Ein Jahr lang besuchte er die Urner Bergbauern, hörte ihnen zu und gewann so ihr Vertrauen. Erst dann griff er zur Kamera. Im Film lässt er dann ausschliesslich die Bergler zu Wort kommen; eine kommentierende Stimme aus dem Off gibt es nicht. So ist, wie Murer gerne betont, ein Film „mit Urnern, nicht über Urner“ entstanden.


Diesen Dokumentarfilm bezeichnete Murer als eine „ethnologische Vorstudie“ zu „Höhenfeuer“, einem Spielfilm, der ebenfalls in den Schweizer Bergen spielt und bei dem es um eine Geschwisterliebe zwischen einem tauben Jungen und seiner Schwester geht. Sehr viele Details, die in „Wir Bergler in den Bergen...“ beschrieben wurden, findet man in „Höhenfeuer“ eingeflochten, was den Film sehr authentisch macht.


Fredi M. Murer hat uns anhand vieler Beispiele gezeigt, mit welcher Genauigkeit und Sorgfalt er arbeitet. Er gibt sich mit dem Ergebnis erst zufrieden, wenn auch die Details stimmen. So mussten z.B. die beiden jungen Protagonisten, Belli und der Bueb, vor dem Dreh eine Woche lang in den Landdienst, damit sie mit der Arbeit in den Alpen vertraut wurden und vor der Kamera nicht nur „spielten“, mit einer Hacke den Boden zu bearbeiten. Weiter schickte Murer den Bueb für eine Woche in eine Gehörlosenschule, damit er merkte, was es heisst, zur Sprache der anderen keinen Zugang zu haben. Während des Drehs musste er sich zusätzlich Pfropfen in die Ohren stecken, damit er auch wirklich nichts hörte. Dies hätte, so beteuerte uns der Filmemacher, seinen Ausdruck schlagartig verändert.

Zudem fragten wir uns natürlich, inwiefern die Filme von Murer, einem Regisseur innerschweizerischer Herkunft, Schweizer Filme sind. Mit der mehrmals wiederholten Aussage seinerseits – „Ich mache Murerfilme, keine Schweizerfilme“ – dürfte so einiges klar werden. Er drehe eben in der Schweiz, weil er hier geboren sei, meinte er auch. Murer will eben keine Heimatfilme und keine Schönwetterfilme mit dem Bild einer Postkartenschweiz im Hintergrund drehen.

Besonders wichtig für Murer ist die Universalität seiner Themen. Inzest und Elternmord, die in „Höhenfeuer“ zentral sind, sieht er eher in Anlehnung an eine griechische Tragödie, als in einem spezifischen Bezug zur Schweiz. Als Drehort für den Film war eigentlich Island vorgesehen; Sachzwänge brachten Murer schliesslich dazu, trotzdem in der Schweiz zu drehen. Zu „Höhenfeuer“ meinte er, der Film könne überall zwischen Island und Japan spielen.

Filmisch setzte Murer die Universalität um, indem er Horizontlinien konsequent abschnitt und so eine Verortung des Geschehens verhinderte. Trotzdem – oder gerade deswegen – legte er grossen Wert auf Authentizität und Detailtreue, um einen in sich stimmigen und überzeugenden Film zu schaffen.

Andrina, Christiane, Christina, Mirjam

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