05/06/2009

Landschaft als Weg


Schon früh wurde mir bewusst, dass wir an einer Grenze leben. Obwohl wir noch nicht als Agglokinder verschrien waren, fiel mir doch auf, dass der Weg in die Stadt nur durch überbautes Gebiet führt. Von unserem Haus aus reicht hingegen ein kleiner Spaziergang um hinaus auf die Wiesen zu gelangen. Diese Gegensätze bemerkte ich noch stärker, als ich auf dem Land in die Kantonsschule ging. Der Bus fuhr auf dem Schulweg durch Felder, Dörfer und Wälder.

Vielleicht aus diesem Grund nehme ich die Landschaft immer als Kontrast wahr. Vor allem als notwendigen Kontrast zur Stadt, zum überbauten Gebiet, zu einengenden Verhältnissen. Nach einer gewissen Zeit in einer Stadt zieht es mich immer wieder hinaus. Und so ist es eben auch ein sehr romantisches Bild, mit dem ich nur positive Gefühle verbinde. So gibt es für mich eigentlich nur schöne Landschaften. Ich kann mich nicht erinnern, je eine Landschaft als hässlich bezeichnet zu haben. Sobald mir etwas nicht gefällt, nenne ich es wohl unbewusst nicht mehr Landschaft.

Dies hat sicher mit den Momenten zu tun, in denen ich Landschaften bewusst begegne. Denn die Umwelt nehme ich wahr, wenn es mir gut geht, wenn ich Zeit habe einen Spaziergang oder eine Wanderung zu machen oder wenn ich im Zug nicht lese, sondern aus dem Fenster schaue. Und natürlich nimmt man verschiedene Landschaften ganz intensiv auf Reisen, in den Ferien wahr. Unvergesslich sind die Eindrücke von den Velotouren durch fremde Gebiete entlang der Küste, durch karges Hochland, entlang behäbiger Flüsse, durch grüne Wiesen und kleinste Dörfer.

Diese romantische Landschaft ist auch der Ort, wo man seinen Gedanken freien Lauf lassen kann,wo man diesen und jenen Ideen nachgehen kann. Wobei sich natürlich unweigerlich die Frage nach dem Ei und dem Huhn stellt. Ist die Zeit, welche man sich nimmt um in die Landschaft hinauszugehen, Grund für die gedankliche Freiheit, oder ist es die Landschaft selbst?

Eine weitere Frage ist, ob man das Wort Landschaft, wie ich es benutze, einfach durch Natur ersetzen könnte. Sicherlich spielt das natürliche Element in meinem Sprachgebrauch eine wichtige Rolle, jedoch ist klar, dass auch die von Menschen geschaffenen Gegebenheiten in einer Landschaft einen zu beachtenden Aspekt darstellen. So können charakteristische Dörfer und die Landwirtschaft eine Landschaft prägen. Mühe habe ich allerdings mit der Integration von Städten und den dazugehörigen Agglomerationen in den Begriff Landschaft. Denn das Land (verstanden als unverbautes Stück Erde) sollte doch eine gewichtige Rolle in einer Landschaft einnehmen.

Einen Wert hat die Landschaft also in erster Linie als Kontrast zur Hektik und Enge des Städtischen. Landschaft ist immer Ruhe und daher ein Raum, der uns Wege zu uns selbst frei macht.

Shirin

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