Hier lebt die Familie meines Vaters. Ich habe seit meiner Kindheit beinahe alle meine Ferien hier verbracht und fühle mich hier sehr wohl. Anhand des Beispieles Vuorz möchte ich nun auf drei Aspekte eingehen, die für mich bei einer Landschaft wichtig sind:
Eine Landschaft ist ein Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen. Sie ist wertvoll, weil sie verschiedenen Lebewesen Lebensgrundlagen bietet. Die vielen Wiesen und Alpweiden in Vuorz sind ideal für die Milchwirtschaft oder die Mutterkuhhaltung. In der Rheinebene kann auch etwas Getreide und etwas Mais angepflanzt werden. Die Lage auf ungefähr 1000 Metern über Meer ermöglicht sogar noch das Gedeihen von Obstbäumen. Die meisten Bauern in Vuorz betreiben biologische Landwirtschaft, was wiederum Lebensräume für viele Tieren und Pflanzen erhält. Weiter ist die Landschaft aber auch die Grundlage für den Tourismus. Vuorz ist kein touristisches Zentrum, trotzdem werden durch das kleine Skigebiet und die wenigen Hotels wichtige Arbeitsplätze geschaffen. Die hübsche Lage auf einer Sonnenterasse bietet viele Möglichkeiten für Freizeit und Erholung. Ohne Landschaft gäbe es keine Landwirtschaft und auch keinen Tourismus und ohne diese wäre ein Auskommen in dieser Bergregion nur sehr schwer möglich.
Ein zweites Kriterium für den Reichtum einer Landschaft ist deren Ursprünglichkeit. In Vuorz gibt es ein grosses Naturschutzgebiet in den Rheinauen, wo viele bedrohte Arten leben können. Es ist unsere Pflicht und Verantwortung als Menschen, die Landschaft, die Schöpfung nicht nur egoistisch für uns auszunützen, sondern sie auch zu erhalten und zu schützen. Denn die Natur ist wertvoll, auch unabhängig vom Nutzen, den sie für uns hat. Eine urtümliche, natürliche Landschaft fasziniert uns. Ich liebe den wilden Bergbach im Val Ladral oberhalb von Vuorz. Ich mag den Geruch im Lärchenwald bei den Maiensässen. Es gibt keinen schöneren Augenblick, als wenn die Sonne hinter den Gipfeln des Piz Tumpivs oder des Cavistrau untergeht und die Landschaft in ein mattes Licht taucht.
Eine Landschaft ist auch Träger einer Kultur. Natur und Kultur lassen sich oft nicht voneinander trennen. Sie sind in einander verflochten. Landschaften prägen Menschen und Menschen prägen Landschaften. Prägend für die Surselva ist zum Beispiel das Rätoromanische, das „Sursilvan“: Wäre die Gegend noch die Gleiche, wenn in ihr nur mehr Deutsch gesprochen werden würde? Übrigens weist mich meine „Tatta“ auch immer wieder gerne darauf hin, dass in Vuorz das Romanische anders klingt, als zum Beispiel im benachbarten Andiast. Stolz sagt sie: „Bitte nicht zu viel - bu migna bä“ anstatt „buc migna bia“. Jedes Dorf hat seine eigene sprachliche Ausprägung.
Auch die Geschichte prägt eine Landschaft. In Vuorz stehen vier Burgruinen, die alle an eine längst vergangene Zeit erinnern. Auch Religion und Landschaft stehen in Beziehung zu einander. Vuorz ist eines der einzigen evangelisch-reformierten Dörfer in der ansonsten sehr katholischen Surselva. Die Einwohner hatten sich auch dadurch lange etwas von den anderen abgegrenzt. „Wir sind anders, als die anderen.“ So war es für meine Familie hier oben zuerst schwer verdaulich, dass ich unbedingt katholische Theologie studieren musste.
Alle diese verschiedenen Aspekte, die ich oben erwähnt habe, lassen sich nicht leicht von einer Landschaft abstrahieren. Wenn ich eine Landschaft betrachte, sehe ich immer auch die Menschen dahinter, ihre Kultur. Aber ich sehe auch den Nutzen, den lebenserhaltenden Wert einer Landschaft als Lebensraum. Und nicht zuletzt sehe ich das Erhabene, die Ursprünglichkeit einer Landschaft. Alle diese Aspekte zusammen ergeben ein harmonisches Ganzes.
Claudio

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