Nach Nationalrat Fathi Derder sollte Englisch zu einer offiziellen Sprache der Schweiz aufgewertet werden. Dies ist um so erstaunlicher, als Herr Derder im Parlament in der Kommission für Kultur sitzt und sich um Fragen der Frankophonie und Beziehungen zum Französischen Parlament kümmert... Vielleicht hat dieser Vorschlag einfach gar keine Bedeutung, vielleicht ist er nur ein Zeichen der Verzweiflung, wenn man sonst nichts zu sagen hat, und die Medien (oder Univers Suisse) sich über einen totschweigen.
Nebenbei gesagt ist der Vorschlag von Derder ziemlich aufgekocht und abgelutscht: Siehe zur Vorgeschichte diesen Blogbeitrag von Matthias Chapman (hier klicken).
Derder meint, Englisch sei die Sprache von Wissenschaft und Mathematik. Vielleicht habe ich etwas falsch verstanden: Galilei lehrte uns, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben, und jetzt erklärt man uns, Mathematik sei in der Sprache Englisch geschrieben... Ist die Natur englischsprachig? Wieso kann ich denn Mathe so schlecht und Englisch so easy?
Ich finde die Antwort von François Grin auf den Vorschlag zumindest hörenswert; er sagt "ce n'est pas une mauvaise, c'est une très mauvaise idée" (siehe und höre den geposteten Link). Tatsächlich ist es so, dass Englisch in der Bevölkerung gegenüber Serbisch, Albanisch, Spanisch oder Portugiesisch eine sehr kleine Bedeutung hat - die Englischsprachigen seien etwa 1% unserer Wohnbevölkerung (ca. 80 000 also). Das ist, wie wenn ich sagen würde: In der Stadt Luzern haben wir 80 000 Einwohner, jetzt müssen wir alle Luzerner Dialekt sprechen. Diesem Prozent hätten wir uns gemäss Derder also anzupassen.
Dazu kommt, wie François Grin aufgezeigt hat, dass in der Romandie der mögliche Lohnzuwachs durch Deutschkenntnisse grösser ist als derjenige, den Englischkenntnisse versprechen oder ausmachen. Grin unterstreicht auch, dass die Offizialisierung einer starken Fremdsprache eine Bedrohung für die Diversität sein könne. Deshalb wird auch Deutsch nicht als offizielle Sprache in Locarno eingeführt, obwohl dort soviele Deutschsprachige wohnen.
Ja, mir gefällt mein Zürich, wenn ich bei Regen - das ist ja oft genug - im Tram fahre und aller Damen und Herren Länder Sprachen lauschen kann. Schade, wenn das alles einfach standardisiert würde. Und welches Englisch müssten wir denn sprechen? Schottisches, Irisches, Australisches Englisch, Cockney oder Amerikanisch? Englisch mit Accent fédéral oder alla Ticinese?
Ja, mir gefällt mein Zürich, wenn ich bei Regen - das ist ja oft genug - im Tram fahre und aller Damen und Herren Länder Sprachen lauschen kann. Schade, wenn das alles einfach standardisiert würde. Und welches Englisch müssten wir denn sprechen? Schottisches, Irisches, Australisches Englisch, Cockney oder Amerikanisch? Englisch mit Accent fédéral oder alla Ticinese?
Wieso eine so absurde Idee Sinn macht, nicht von ihrem Inhalt her, aber als Instrument einer Kommunikationsstrategie, das versuche ich im Folgenden aufzuzeigen. Herr Derder bietet sich als ehemaliger Journalist vor allem als PR-Mensch an. Meiner Meinung nach ist seine Aktion, das ist doch ganz naheliegend, ausgerichtet auf die Interessen der multinationalen Firmen, die im Gegensatz zu Credit Suisse, Basler Pharma usw. keine Lobbyisten im Parlament haben, sondern sich über PR-Agenturen und Lobbying-Dienstleiter wie zum Beispiel Burson Marsteller welche engagieren müssen.
Das hat zunächst nicht direkt mit Fathi Derder etwas zu tun, aber gerade Burson Marsteller reagiert ohne langes Zögern auf den Vorschlag des Nationalrats. Aber schon am 21. Februar 2013 machte einer der führenden Köpfe der Firma, David Hart, Practice Leader Corporate and Financial Communications ("David hat an der Universität Leicester Politik studiert. Seine Muttersprache ist Englisch") auf der Homepage von Burston Marsteller auf das Problem Schweiz aufmerksam:
Multi-lingual domestic market - The domestic market in Switzerland should not be overlooked. The ease of travel between the major cities makes same day business meetings from Zurich to Bern, Basel, Zug or Geneva the norm. But it also highlights the biggest change to media relations from London to Switzerland, the need to reach out in multiple languages on a daily basis to domestic media. Having to decide whether to send out a story in German, French or some cases Italian or English to the media adds a whole new dimension to a national PR campaign and requires a delicate understanding of the language sensitivities.
Subtext: Wir sind gefordert (überfordert?), in der mehrsprachigen Schweiz für unsere multinationalen Kunden zu kommunizieren, die alles aus einem Guss und überall gleich wollen, schneller und billiger. Sam Jackson, ein weiterer Angestellter von Burson Marsteller, "deutscht" es (zwar auf Englisch) aus, am 20. Juni 2013, unter dem ironischen Titel "Talking their own language", wo er mit einer Liste in seinen Augen positiver Folgen auf den Vorschlag von Derder reagiert:
So what would formalising English as an official language mean for MNCs (sc. Multinational Companies), and for the public relations managers working within them? First, it would help drive a more genuine and deeper immersion for the company into Swiss political and economic life, allowing for a better grasp of Swiss public affairs, and a greater understanding of vital issues in their host country. Who knows? Perhaps this would close what some perceive as a major cultural gap between multinationals and their adopted home… Second, it would build on this knowledge base and encourage multinationals to develop and implement a more effective strategy for engaging with political influencers and Swiss media. The current debates on taxing multinationals, banking secrecy, remuneration of senior executives, and the Swiss government’s scrutiny of commodities firms and the extractive industry are just a few examples of critical areas of engagement for MNCs with the Swiss government.
Auf gut (oder schlecht) deutsch heisst das: If English=Schweizersprake, then Lobbying in Bern ich auf Englisch make.
Nun kommt die Frage: Wieso versteigt sich ein Medienprofi wie Derder, und eine der weltweit etabliertesten PR-Firmen in eine politisch und juristisch derart hoffnungslose Angelegenheit wie die Einführung von Englisch als Landessprache der Schweiz? Selber Beraterin, sollte diese Firma nicht genug beraten sein um zu verstehen, dass sie sich der Lächerlichkeit preisgibt? Dem ist aber aus einem einfachen Grund nicht so. Meiner Meinung nach ist das nämlich nicht eine PR-Aktion in Sachen Englisch, sondern in eigener Sache und der Adressat ist nicht die Schweiz, sondern ein multinationales, angloamerikanisches Publikum, das eine Agentur sucht, die fähig wäre, in der Schweiz für irgendwelche PR- und Lobbying-Ziele zu weibeln, wie ich das oben schon erwähnt habe. Der Vorschlag von Derder ist nicht an die Schweizer Öffentlichkeit gerichtet, sondern soll genug Lärm erzeugen, egal ob dumm oder gescheit, um internationale Interessenten anzuziehen.
Artikel auf Burson Marsteller (Link).

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